1. Die Siegesfeier
Wir haben gewonnen. 25,7 Prozent! Am Wahlabend habe ich geheult wie ein Schlosshund. Petra hat gemeint, ich solle mich zusammenreißen. Dann hat sie selbst geweint.
Seit 1990 stehe ich an Infoständen am Hermannplatz. Ich habe Flyer verteilt, als man uns noch »SED-Nachfolger« hinterherrief. Jetzt stellen wir bald die Regierende Bürgermeisterin. Damit hatte ich nicht gerechnet, und die Partei ehrlich gesagt auch nicht.
Unser Sohn Jonas ist Softwareentwickler bei einem Start-up in Mitte. Er hat Grün gewählt, »aus Vernunft«, wie er sagt. Seine Freundin Merve ist Tischlermeisterin mit eigener Werkstatt im Wedding, zwei Gesellen, ein Azubi. Sie hat gar nicht gewählt. Das sei doch alles dasselbe, sagt sie. Ich habe ihr einen Vortrag über Wahlbeteiligung gehalten, und sie hat mich komisch angeschaut.
Petras Vater Horst ist 81. Er hat Mitte der Neunziger eine kleine Eigentumswohnung in Friedenau gekauft, zwei Zimmer, 58 Quadratmeter. Die vermietet er, das sei seine Rente, sagt er. Er selbst wohnt seit 1981 zur Miete in Tempelhof. Er hat CDU gewählt, aber das verzeihe ich ihm, er ist ja schon alt.
Am Sonntag darauf war die große Kundgebung vor dem Roten Rathaus. Unsere Spitzenkandidatin trat ans Mikrofon: »Berlin gehört wieder denen, die hier wohnen!« Jubel ohne Ende. Ich musste an Rosa Luxemburg denken.
Auf der Kundgebung habe ich alte Bekannte getroffen. Willi aus dem Kreisverband, seit 1991 mit mir am Infostand, hat mir auf die Schulter geschlagen und gesagt: »Jürgen, wir haben es geschafft.« Er ist inzwischen 74 und wohnt in einer kleinen Wohnung in Rudow. Wir haben zusammen ein Bier getrunken und von früher geredet. Von den Jahren, in denen wir zu fünft am Infostand drei Flugblätter verteilt haben.
Auf dem Heimweg hat Petra gefragt, ob unsere Miete jetzt sinkt. Sinken nicht, habe ich gesagt, aber steigen werde sie auch nicht mehr. Das hat ihr gereicht.
Die Zahlen des Abends stehen inzwischen fest. Wir haben 25,7 Prozent, die CDU 18,8, die AfD 16,3, die Grünen 14,3 und die SPD 12,1. Die FDP ist draußen, das BSW auch. In Neukölln haben wir fast alle Wahlkreise direkt gewonnen. In Reinickendorf und Spandau keinen einzigen.
Die Koalitionsverhandlungen beginnen nächste Woche. Mit Grünen und SPD reicht es für eine Mehrheit. Die SPD ziert sich noch. Sie hat ihr schlechtestes Ergebnis seit Kriegsende und tut trotzdem so, als hätte sie etwas zu verlangen. Die Grünen haben schon zugesagt.
Petra hat am Montag in der Kita erzählt, dass wir gefeiert haben. Zwei Kolleginnen haben sich gefreut, eine hat nichts gesagt. Eine vierte wohnt zur Miete bei einem der großen Konzerne und hofft jetzt, dass ihre Wohnung endlich billiger wird. So denken viele. Man wählt uns nicht wegen Rosa Luxemburg, sondern wegen der Nebenkostenabrechnung. Mir ist das recht, solange am Ende dasselbe herauskommt.